Bildungsgipfel, München: Teilnahme

VonJochen Robes

Bildungsgipfel, München: Teilnahme

Am 20. / 21. Oktober 2022 feierte das Münchener Bildungsforum (MBF) sein 50. Jubiläum.  Zu diesem Anlass hatte man zum „Bildungsgipfel“ nach München in die schönen Räumlichkeiten der IHK eingeladen. 150 Corporate Learning-Expert:innen waren der Einladung gefolgt. Auch ich hatte mich am Donnerstag auf den Weg nach München gemacht. Dort erwartete uns ein anspruchsvolles Programm: Wir sollten gemeinsam überlegen, wie betriebliches Lernen und Arbeiten im Jahr 2044 aussehen kann und diese Überlegungen noch vor Ort in die Form eines Manifests gießen.

Im Folgenden ein paar Gedanken, die ich mir zum Szenario („2044“), zum Format („Manifest“) und zum Thema meiner Arbeitsgruppe („No L&D“) gemacht habe.

Meine Eintrittskarte in die Arbeitsgruppe „No L&D“

Das Zukunftsszenario „Leben und Arbeiten im Jahr 2044“

Die Veranstalter hatten sich bereits im Vorfeld viele Gedanken gemacht, was sie auf dem Bildungsgipfel diskutieren wollten. Man hatte sich, so war zu lesen, bewusst gegen die Arbeit mit verschiedenen Szenarien und kontroversen Gesellschaftsentwürfen entschieden. Es wurde stattdessen ein einziges, positives Szenario für das Jahr 2044 und für die Ebenen „Gesellschaft“, „Unternehmen“ und „Individuum“ entworfen. Das blendete zwar gesellschafts- und technologiekritische Sichtweisen aus, entlastete aber andererseits die Diskussion.

Da es ja auf dem Bildungsgipfel um die Frage gehen sollte, wie Learning & Development im Jahr 2044 aussehen könnte, hatte man das große Zukunftsszenario auf sechs Einsatzfelder von L&D heruntergebrochen. Diese Einsatzfelder trugen schöne und sprechende Titel: „Green L&D“, „Wellbeing L&D“, „Wild L&D“, „Social Innovation L&D“, „Ultra Performance L&D“ und „No L&D“. Mir hat diese Aufteilung gefallen, weil sie vielen aktuellen Themen eine Heimat bot. Zugleich hatte man die Möglichkeit, diese Einsatzfelder sehr unterschiedlich auszugestalten und zu diskutieren (und damit auch die eingangs ausgeblendeten kritischen Konzepte und Fragen wieder einzuführen …).

Die Idee eines Manifests

Das war ein Stichwort, das mich sehr neugierig gemacht hat! Denn ein Manifest, so mein Gedanke, könnte vielleicht die Lücke schließen, die viele informelle Netzwerktreffen offenlassen. Denn gerade, wenn der Schwerpunkt auf dem offenen Austausch der Teilnehmenden liegt, fragt man sich ja am Ende oft, was eigentlich erreicht wurde und was man mit nach Hause nehmen kann. BarCamps versuchen zum Beispiel, immer wieder zum Protokollieren anzuregen (was mal mehr, meist aber weniger glückt). Warum also nicht einmal versuchen, die „Weisheit der Vielen“ in einem Manifest zu bündeln?

das Konzept des „Bildungsgipfels“

Ein Manifest als Ziel bringt natürlich einige Anforderungen mit sich. Man kennt sie von Hackathons und Book Sprints. Es braucht eine sehr genaue Planung und eine strikte Regie, wenn man um 16:00 Uhr wirklich etwas vorzeigen will. Auch der Bildungsgipfel hatte diese Regie. In einer Reihe von Workshop-Sessions diskutierten und verdichteten die Teilnehmenden im Stundentakt ihre Stichworte. Es gab „Kommunikatoren“, die die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen weitertrugen; und „Touristen“, die den Austausch zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen unterstützten. Und natürlich in jeder Gruppe „Moderator:innen“ und „Timekeeper“ …

Kurzer Einschub: Es gibt nur wenige Manifeste oder Konzepte, an denen sich Corporate Learning-Expert:innen hierzulande orientieren können. Die Corporate Learning Community hat 2017 ihren MOOC mit einem Hackathon und einer Vision „Corporate Learning 2025“ („Organisationales Lernen im Digitalen Zeitalter“) abgeschlossen. Mehr Gemeinschaftswerke fallen mir auf unserem Spielfeld gerade nicht ein. Für das Bildungsforum ist daher ein Manifest sicher auch eine Gelegenheit, über den Standort München hinaus Corporate Learning-Interessierte anzusprechen.

Schließlich: Es wurde zwar um 16:00 Uhr ein „Manifest“ vorgelesen und gefeiert, aber die Veranstalter wollen am Ergebnis noch etwas feilen, bevor sie es der Öffentlichkeit übergeben. Auf LinkedIn heißt es: „Es wurden unglaubliche viele und weitreichende Ideen für das Manifest entwickelt. Viel mehr als wir gedacht haben. Deshalb planen wir noch ein paar Reviewschleifen, auch mit der Community. Version 1.0 des Manifestes wollen wir Anfang nächsten Jahres veröffentlichen.“

Die Arbeitsgruppe „No L&D“

Zur Regie des Bildungsgipfels gehörte es, dass wir in einzelnen Arbeitsgruppen an den Themen arbeiteten, die uns das MBF zugerufen hatte. Ich hatte mich für das Thema „No L&D“ entschieden, wobei ich das Kleingedruckte im Vorfeld bewusst ausgeblendet habe, um mich etwas von der Herangehensweise und den Perspektiven meiner Gruppe leiten zu lassen. Aus den Diskussionen unserer Arbeitsgruppe, was „No L&D“ im Jahre 2044 bedeuten könnte, habe ich folgende Eindrücke mitgenommen:

a)       Wir tun uns schwer, den Begriff „Lernen“ fallenzulassen.
Sobald ich explizit von „Lernen“ spreche, habe ich gedanklich schon ein Spielfeld jenseits der Arbeit betreten. Ich bin dann versucht, wieder in Lernprozessen, Lernzielen, Lernzeiten und Lernangeboten zu denken und lande am Ende wieder bei den L&D-Spezialist:innen. Warum nicht gleich von Aufgaben, Projekten, Netzwerken und Communities, von Herausforderungen sprechen, wenn wir über neue Kompetenzen und Skills nachdenken?

b)      Wir denken schnell in technischen Lösungen.
Es gab eine Vorlage der Veranstalter, in der „No L&D“ mit folgenden Zeilen eingeführt wurde: „Wir lernen und arbeiten selbstmotiviert und autonom. KI-gestützte HR- und Lernsysteme helfen uns dabei. …“ Von daher spielte die Bedeutung von KI in unseren Diskussionen gleich eine große Rolle. Also eine KI, die Aufgaben von L&D übernimmt und die die Mitarbeitenden bei der Entwicklung ihrer Kompetenzen unterstützt. Hier hatte ich das Gefühl, dass wir zu schnell technologische Entwicklungen fortschreiben und L&D 2044 halt keine Lernplattformen, sondern KI-Lösungen moderiert. „No L&D“?

Workshop-Impressionen

c)       Wir haben noch keine klaren Vorstellungen davon, was wir mit „selbstorganisiertem Lernen“ meinen.
Das ist natürlich ein „großes“ Thema, und ein 1 ½-tägiger Bildungsgipfel ist sicher nicht der Ort, um Antworten zu finden. Aber das Stichwort des „selbstorganisierten Lernens“ zog sich durch viele Themen und Arbeitsgruppen und bot viele, sehr heterogene Anknüpfungspunkte: von der freien Wahl digitaler Lernbausteine, die das Unternehmen den Mitarbeitenden zur Verfügung stellt, bis zu den Mitarbeitenden, die sich selbstbewusst eigene Kompetenzziele setzen und diese in offenen Lernökosystemen verfolgen. Und mittendrin eine KI, die das selbstorganisierte Lernen unterstützt …

Abschließend: Die gemeinsame Arbeit an einem Manifest bringt eine hohe Dynamik mit sich. Ein Wermutstropfen: Auf den letzten Metern, wenn es um das Ausformulieren und Zusammenfügen der einzelnen Teile geht, sind immer weniger Teilnehmende direkt in das Geschehen involviert. Hier fehlte noch eine Aktivität …

Meine Eintrittskarte in die Arbeitsgruppe „No L&D“ (2)

An dieser Stelle noch der große Dank an die Veranstalter, die Gastgeber, die Moderator:innen und die Mitstreiter:innen für zwei inspirierende Tage! Ich bin sehr gespannt, wie die Diskussion weiter geht!

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